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Seelische Gesundheit und Krebserkrankungen

Psychosomatische Einflüsse auf Entstehung und Verlauf von
Krebserkrankungen durch depressive Erkrankungen

 

Studien belegen den Einfluss der seelischen Gesundheit auf den Krebs. Große epidemiologische Studien der letzten Jahre belegen, dass die seelische Verfassung einen bedeutsamen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf bestimmter Krebs- Erkrankungen haben kann. Depressive Erkrankungen, deren negativer Einfluss auf das Immunsystem belegt ist (z. B. Tjemsland et al., Psycho-Oncology 6: 311, 1997; Sachs et al., J. Neuroimmunol. 59: 83, 1995), erhöhen nicht nur das Risiko, an bestimmten bösartigen Erkrankung zu erkranken (siehe unten), sondern haben bei bereits eingetretener Erkrankung eine signifikant verkürzte Überlebenszeit zur Folge (siehe unten).

Die Seele hat Einfluss, aber: Es gibt keine "Krebspersönlichkeit". Es gibt keine "Krebspersönlichkeit". Dieses Konzept wurde seitens der psychosomatischen Forschung aufgegeben (Z. f. Klin. Psychol. Psychiat. Psychother. 44:104, 1996). Aber: Studien der letzten Jahre zeigen, dass depressive Bewältigungs-Stile bei Tumorpatienten eine besondere Rolle spielen: Der Anteil von Krebspatienten, die an einer klinisch signifikanten seelischen Störung leiden, wird im Mittel auf über 40% angegeben (z. B. Hosaka et al., Psychiat. Clin. Neurosci. 50:309, 1996; Greer et al., BMJ 304:675, 1992). Depressive Störungen finden sich bei mindestens 25%, eine "Major depression" bei ca. 10% der Patienten mit Tumorerkrankungen (z. B. Costantini et al., Supp. Care Cancer 7:121,1999; Pasacreta et al., Nurs. Res. 46:214,1997).

Depressionen nicht erst nach, sondern bereits vor Diagnose einer Krebskrankheit. Im Falle von Krebserkrankungen sind depressive Störungen keineswegs nur die Folge davon, dass eine belastende Diagnose gestellt wurde. Bereits vor Diagnosestellung lässt sich bei Krebs-Erkrankten eine erhöhte Depressionsrate nachweisen: Aragona et al. (J. Exp. Clin. Cancer 16:111,1997) unterzogen 149 Patientinnen vor (!) Abklärung eines unklaren Brustbefundes einer psychologischen Diagnostik. Während Frauen, bei denen die anschließende Biopsie einen bösartigen Befund ergab, vor (!) Diagnosestellung zu 55 % an einer signifikanten depressiven Störung litten, lag dieser Anteil bei Frauen mit gutartigem Befund bei "nur" 18 %. Auch belastende Lebensereignisse in den Jahren vor Auftreten der Erkrankung finden sich bei Frauen mit einer bösartigen Erkrankung in dieser Studie signifikant gehäuft. Wie Prigerson et al. beschreiben (Am. J. Psychiatry 154: 616, 1997), wird das erhöhte Tumorrisiko jedoch nicht durch belastende Ereignisse per se erzeugt, sondern durch die depressive Verarbeitung der Ereignisse seitens des Betroffenen.

Jahrelang unbehandelte Depressionen können das Krebsrisiko steigern. Gegen Untersuchungen, die bei Krebspatienten unmittelbar vor Diagnosestellung einer erhöhte Rate psychischer Besonderheiten fanden, wurde -zum Teil mit Recht- eingewandt, die Patienten hätten -wenn auch bewusste Kenntnis der Diagnose- bereits unter dem Eindruck der schon bestehenden Tumorerkrankung gestanden. Dass die Depression dessen ungeachtet ein eigenständiger, schwerwiegender Risikofaktor für die Tumorentstehung ist, belegt eine Studie von Knekt et al (Am. J. Epidemiol 144:1096, 1996): Körperlich gesunde Probanden wurden zum Ausgangszeitpunkt einer psychologischen Diagnostik und daraufhin nach 14 Jahre einer Follow-up-Untersuchung unterzogen. Probanden, die zum Ausgangszeitpunkt eine Depression hatten, hatten -im Vergleich zu Nichtdepressiven- in den darauffolgenden 14 Jahren ein 3,3-fach erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken (Krebserkrankungen in den ersten 5 Beobachtungsjahren wurden nicht mit einbezogen)! Bei Rauchern lag die Risikoerhöhung -im Vergleich zu Nichtraucher - übrigens bei 3,4-fach. Bei Personen, die zum Ausgangszeitpunkt rauchten und depressiv waren, hatte sich das Lungenkrebs-Risiko auf das 19,6-fache potenziert.

Unbehandelte Depressionen verschlechtern bei Tumorpatienten den Verlauf. Auch nach bereits eingetretener Erkrankung bleibt die seelische Gesundheit für krebskranke Patienten von großer Bedeutung. Dies wurde in einer in LANCET publizierten, aufsehenerregenden Studie von Watson et al. (Lancet 354:1331, 1999) gezeigt: Über einen Zeitraum von 5 Jahren verfolgten die Autoren das Schicksal von Brustkrebs- Patientinnen, wobei sie den Verlauf von Patientinnen mit und ohne Depression verglichen (die beiden Gruppen wurden bezüglich ihrer körperlichen Befunde standardisiert). Patientinnen mit einer depressiven Erkrankung hatten innerhalb des Beobachtungszeitraums eine um das 3,6-fache erhöhte Mortalität!

Psychotherapie hilft Krebspatienten mit seelischen Problemen. Psychotherapie kann bei Vorliegen von seelischen Beschwerden den Verlauf von Krebserkrankungen stabilisieren. Im British Journal of Psychiatry veröffentlichte D. Spiegel von der Standford University School of Medicine im Jahre 1996 eine Überblicksarbeit mit dem Ergebnis: "Effective psychotherapeutic treatment for depression has been found to affect the course of cancer. ... In three randomized studies, psychotherapy resulted in longer survival time for patients with breast cancer (18 months), lymphoma, and malignant melanoma" (Spiegel, Br. J. Psychiatry Suppl 30:109, 1996).

© Joachim Bauer

 

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